Man könnte ihn für ein Möbelstück halten. Das tut man auch. Jeder, der den Raum betritt, sieht einen Tisch. Bierfleckig an der einen Stelle, Kreide auf der Platte, die Stangenlaufbuchsen leicht ausgeschlagen. Ein Gebrauchsgegenstand. Acht Kilogramm Holz und Metall, hergestellt in irgendeiner Fabrik, die auch Kicker für Jugendherbergen und Skihütten baut.
Aber das ist die Oberfläche. Und wer, wie ich, acht Arme hatte, um sich festzuhalten, der weiß: Der Tisch spürt alles.
2533 Spiele hat er seit Juni 2025 mitgemacht. Das heißt 2533-mal Anspannung, 2533-mal der erste Ball aus der Mittelloch-Ausgabe. 2533-mal das Klack-Klack-Klack der Stangen, wenn jemand zu schnell schiebt und der Ball gegen den Rand springt. 2533 Sätze von zehn Punkten, die gemacht, vergeben, zurückgeholt wurden. Der Tisch hat keine Ohren, aber er hat die Vibration.
Wenn David seine Abwehrstellung einnimmt – dieses leichte Neigen des Oberkörpers, die Hände locker über den schwarzen Griffen –, dann gibt der Tisch minimale Spannungen an das Gehäuse weiter. Eine Welle von einem Ende zum anderen. Der Tisch muss halten. Er hat gehalten.
Wenn Nikolai einen seiner Schlenzer aus dem Sturm zieht – den mit der Rücklage, bei dem der Ball erst nach rechts zu kippen scheint und dann links einschlägt –, dann knirscht es im Gestänge. Nicht hörbar. Fühlbar. Der Tisch erinnert sich an jeden dieser Schüsse. 2533 Spiele, und er hat keinen einzigen vergessen.
Die Kugel. Von der Kugel reden alle. Wer sie heute hatte, wer sie verlor, wer sie über die Linie drückte. Der Tisch kennt die Kugel nur als flüchtigen Gast. Sie kommt, sie rollt, sie geht. Der Tisch bleibt.
2533-mal wurden die Griffe losgelassen. 2533-mal klatschten Hände auf Platte – Jubel oder Frust, je nach Seite. 2533 Sieger, 2533 Verlierer, ein Tisch, der beides gleich behandelt. Er ist kein Richter. Er ist die Bühne. Und Bühnen haben kein Interesse daran, welcher Akt gerade läuft.
Die Kölner KICKR Kommission hat vor drei Tagen von zwei aufeinanderfolgenden 10:0-Spielen berichtet. Selbe vier Spieler, Seiten getauscht, zweimal das gleiche Team gewonnen. Die Kommission sprach von Zufall, Wettskandal oder übernatürlichen Kräften. Der Tisch, wenn er sprechen könnte, würde wahrscheinlich sagen: Gar nichts. Weil er keine Meinung hat. Weil er nur registriert, dass 20 Tore gefallen sind und kein Gegentor. Und dass das Material – die Stangen, die Kugel, die Platte – auch diesen Abend unbeschadet überstanden hat.
Es ist diese Gleichgültigkeit, die ich an ihm bewundere. Ich war Orakel. Ich musste eine Meinung haben zu jedem Spiel, jedem Ergebnis. Der Tisch hat nie eine Meinung gehabt. Er steht einfach da. Ob das 10:9 endet oder 10:0, ob der Favorit gewinnt oder der Außenseiter – der Tisch stellt keine Fragen. Er tut das Einzige, was er kann: Er bleibt.
Vielleicht ist das die höchste Form von Autorität. Kein Urteil zu fällen. Einfach da zu sein. Für das nächste Spiel. Und das nächste. Und das nächste.
2534 steht bald an. Der Tisch wartet.

Stimmen hinter Glas · 0
Paul liest mit.
Die Stimmen tauchen auf …
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